Archäologie im Sultanat Oman

Prof. Dr. Paul Alan Yule berichtet in einem Interview über den nun veröffentlichten Sammelband zur Archäologie des Oman und die dortigen Ausgrabungen und Forschungen, an denen das DBM maßgeblich beteiligt war.

Herr Yule, der gerade von Ihnen veröffentlichte Band enthält sechs Beiträge verschiedener renommierter Autoren über die archäologischen Forschungen im Oman, die im Zeitraum zwischen 1977 bis 1990 maßgeblich unter Federführung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum im Rahmen der deutschen Oman-Expeditionen durchgeführt wurden. Welche Erinnerung haben Sie an Prof. Dr. Gerd Weisgerber, den ehemaligen Leiter der Expeditionen und des Bereichs Montanarchäologie?

Der 2011 verstorbenen Gerd Weisgerber war eine charismatische Persönlichkeit und konnte sehr gut mit Menschen umgehen. Persönliche Kontakte sind neben der fachlichen Kompetenz natürlich wichtig, wenn man im Ausland über mehrere Jahre Projekte durchführen möchte. Noch dazu in einem Land mit herausfordernden Bedingungen für Feldforschungen. Da ist man in vielerlei Hinsicht auf Unterstützung angewiesen: Sei es von den entsprechenden Behörden, um eine Grabungserlaubnis zu erhalten oder von der örtlichen Bevölkerung, die das Team z.B. mit Wasser versorgt.
Gerd Weisgerber hatte stets großes Interesse an archäologischen Forschungen in der arabischen Welt und im Oman. Ihn selbst bewegte vor allem die Frage, was es mit dem Kupferland Magan bzw. Makkan auf sich hat, das in den altsumerischen und akkadischen Keilschrifttexten Erwähnung findet. Demnach waren die Kupfermengen in dieser Region enorm und Weisgerber wollte dieses prähistorische Produktionszentrum lokalisieren. Zuvor hatte nämlich der britisch/dänische Archäologe Geoffrey Bibby anhand von Indizien vermutet, dass mit Magan die omanische Küstenregion gemeint sein müsse. Dies wollte Weisgerber überprüfen und führte Ausgrabungen in Wadi Samad und al-Maysar durch, wo sein Team bronzezeitliche Werkstätten zur Kupferverarbeitung freilegen konnte.
Auch wenn zunächst das Augenmerk auf der Bronzezeit lag, so bildeten diese ersten Feldarbeiten den Anstoß für weitere Forschungen zur prähistorischen Archäologie Omans. Davon zeugen die verschiedenen Artikel in dem vorliegenden Band.

Sie sind Herausgeber dieses Sammelwerks, Autor und Co-Autor. Erzählen Sie uns kurz, um welche Forschungen es da genau geht?

Anders als etwa in anderen arabischen Staaten war bis vor 40 Jahren wenig über die Archäologie des Oman bekannt. Ab 1977 führten die deutschen archäologischen Expeditionen 16 Feldkampagnen durch. Dies führte zu einem immensen Befund- und Fundaufkommen. Folglich zog sich teilweise die Aufarbeitung und Publikation der Ausgrabungsergebnisse hin und der Druck des geplanten Sammelbands verzögerte sich. Da die prähistorische Archäologie des Oman immer noch viele weiße Flecken kennt, bilden die vorliegenden Artikel einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis der frühen Kulturentwicklung des Landes. Denn viele Funde und Fundgruppen werden hiermit erstmalig der Forschung bekannt gemacht. Die Artikel beschäftigen sich mit Forschungen, die Gerd Weisgerber selbst oder die befreundete Kollegen und Studenten durchführten.
In den ersten beiden Aufsätzen geht es um ein Grab der späten Bronzezeit in al-Wasit, im Norden von Oman gelegen. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsgrab, in dem 16 Menschen (1400‒1200 v. Chr.) ihre letzte Ruhe fanden. Das Besondere daran war, dass es zahlreiche Waffen aus Bronze enthielt. 1989 war dies einer der ersten bedeutenden Fundkomplexe jener Zeit. Zwar hat sich der Bestand an Objekten mittlerweile deutlich vermehrt, davon publiziert sind allerdings wenige. Umso wichtiger ist daher diese Vorlage.
Der dritte Beitrag beschäftigt sich mit dem vorislamischen Friedhof im Gebirge von al-Akhḍar. Ein Laie hatte dort 1975 etliche Gräber geöffnet; von dieser Entdeckung war lediglich in der Zeitung zu lesen. Das deutsche Archäologen-Team untersuchte daher 15 dieser Gräber erneut.
Im vierten Artikel werden Ergebnisse der Thermolumineszenz-Datierung der Keramiken der Umm an-Nar-Periode, der Früheisenzeit und Späteisenzeit vorgestellt. Diese Methode wurde erstmalig im Oman vorgenommen. Soweit ich weiß hat niemand danach es in Oman versucht.
Um den Fundplatz Izkī geht es im vorletzten Artikel. Einheimische bezeichneten den Ort als die älteste Stadt im Oman. Sie wird in einer neuassyrischen Inschrift im Ischtar-Tempel in Ninive erwähnt. Demnach soll Padē, König von Izkī (668‒627 v. Chr.), Hauptstadt des Königreichs Qadē, eine Delegation zu Ashurbanipal nach Ninive gesandt haben. Die Funde der ersten Ausgrabungen in Izkī können die schriftliche Quelle bislang nicht bestätigen. Die Artefakte stammen aus der frühen und späten Eisenzeit wie der Beitrag zeigt.
Der letzte Artikel beschäftigt sich mit Specksteingefäßen der frühen Eisenzeit. Sie stammen aus dem Friedhof von Bawshar. Mittels naturwissenschaftlicher Untersuchungen ist es gelungen die Lagerstätten zu identifizieren. Demnach handelt es sich bei den Gefäßen um Importstücke.

Sie haben viele Jahre lang zusammen mit Gerd Weisgerber im Oman geforscht. Was hat Ihr Interesse für die Archäologie in diesem Land geweckt?

Ich bin 1982 nach Bochum ins Deutsche Bergbau-Museum gekommen und habe für Prof. Weisgerber Publikationen übersetzt und redigiert. Er fragte mich eines Tages, ob ich nicht Lust hätte, die während seiner Ausgrabungen entdeckten Metallgefäße und Werkzeuge, zu bearbeiten. Sicherlich spielte eine Rolle, dass ich mich zuvor mit diesen Objektgruppen – genauer gesagt mit kupfernen Hortfunden – aus Indien beschäftigt hatte. Die neue Aufgabe prägte mein weiteres Berufsleben: Seit 1987 bin ich mitverantwortlich für die deutschen archäologischen Untersuchungen im Oman, die bis heute fortgesetzt werden. Seitdem liegt mein Forschungsschwerpunkt in Arabien und vor allem im Oman. Ich habilitierte mich schließlich über das bereits erwähnte Gräberfelder in Samad al-Shan der späten Eisenzeit.
In den letzten Jahren habe ich mich besonders damit beschäftigt, die ungeheuren Mengen an Forschungsdaten der archäologischen Ausgrabungen im Oman – seien es Fotos, Pläne, Karten oder Fundzeichnungen – zu digitalisieren. Mein Ziel war es, diese für alle Interessierten und Forschenden zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg gelang die Realisierung dieses Vorhabens: Die Daten sind in der Datenbank HeidICON frei verfügbar.
Parallel dazu führte ich archäologische Geländeaufnahmen im Oman durch. Sie dienten als Pilot-Studien für ein neues Projekt, das ich bei der DFG beantragt habe und auf dessen Bewilligung ich momentan warte.

Vielen Dank Herr Yule und viel Erfolg bei Ihren weiteren Forschungen.


Prof. Dr. Paul Yule habilitierte sich in Vorderasiatischer Archäologie und lehrt an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Arabien und Südasien. Seit 1982 beschäftigt er sich intensiv mit der Archäologie des Oman. Er ist Herausgeber und auch Autor eines nun erschienen Sammelwerks, das die deutschen archäologischen Tätigkeiten im Sultanat der letzten 40 Jahren in Auszügen beleuchtet.

http://www.ufg-va.uni-hd.de/mitarbeiter/yule_paul.html
http://semitistik.uni-hd.de/yule.html

Kontakt

Prof. Dr. Paul A. Yule
Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients - Semitistik
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Schulgasse 2
D-69117 Heidelberg
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Bibliographische Angaben

Paul A. Yule (ed.)
Archaeological Research in the Sultanate of Oman, The Expedition of the Deutsches Bergbau-Museum Bochum in Oman 1, in: Der Anschnitt, Beiheft 28, Bochum 2015, in commission with VML Verlag Marie Leidorf, 216 pages, 78 plates, 51 text figures, 48 colour images, 36 tables, 6 concordances, image list, hard bound, ISBN 978-3-86757-009-1.

Bezugsquellen

Die Publikation ist über den Buchhandel (ISBN: 978-3-86757-009-1) sowie im Museumsshop erhältlich.