Partizipative Risikopolitik?

Die Regulierung der Silikose im westdeutschen und britischen Steinkohlenbergbau

Neben den allgegenwärtigen Unfallrisiken des Steinkohlenbergbaus entstand im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine neue Gefahr für die Gesundheit und das Leben von Millionen Bergleuten: die Silikose (Staublunge). Obwohl das Bild des siechen, hustenden Bergmanns seit jeher bekannt war, führten die Ausweitung und Mechanisierung des Steinkohlenabbaus seit den 1920er Jahren zu einem dramatischen Anstieg von Silikoseerkrankungen. Für die modernen westlichen Wohlfahrtsstaaten tat sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg der Abgrund der drängenden medizinischen, technischen und letztlich sozialen Frage nach der Vergesellschaftung dieses beruflichen Risikos auf.

Die sozialstaatliche Expansion stand in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ganz im Zeichen einer intensiven Durchdringung von Verwissenschaftlichungs- und Vergesellschaftungsprozessen, die sich exemplarisch auch an der Problematisierung von Berufskrankheiten und insbesondere der Silikosebekämpfung ablesen lässt. Das Verständnis von Gesundheit und Krankheit wandelte sich ebenso wie die Wahrnehmung berufsbedingter Gefahren. Dabei veränderten sich gleichzeitig die Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat und die Rolle der medizinisch-wissenschaftlichen Experten sowie das Selbstverständnis der einzelnen Akteure, die entweder unmittelbar betroffen, oder als Expertinnen oder Experten in die Risikoregulierung eingebunden waren.

Der Entwicklungsprozess der Vergesellschaftung von Berufsrisiken, in den die Regulierung der Silikose eingebettet war, soll an Hand des Steinkohlenbergbaus in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien dargestellt werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Genese der branchenspezifischen Risikopolitik und der Wandel der sozialen Beziehungen. Es werden die Leitbilder und Normen der Akteure im Hinblick auf die Gefahren der Erwerbsarbeit sowie ihre Netzwerke und Institutionen der sozialen Sicherung untersucht, aber auch ihre Teilhabemöglichkeiten im System der Sozialversicherung sollen beleuchtet werden. Vor dem Hintergrund der langen Latenz der Silikose, einer unklaren Wissenslage und des Abwägens zwischen kurzfristigen Gewinnen und langfristigen monetären und menschlichen Kosten sollen die Wissens- und Präventionspraktiken in der Nachkriegszeit analysiert werden. Besonderes Interesse gilt dabei der jeweiligen Handlungs-, Deutungs- und Entscheidungsmacht der beteiligten Akteure.


DBM-Projektleiter

Dr. Lars Bluma

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum
Forschungsbereich Bergbaugeschichte

Kooperation

Prof. Dr. Stefan Berger, Institut für soziale Bewegungen / Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets

Dr. Marc von Miquel, Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger

Laufzeit

Dezember 2016 – November 2019