Gutes Regieren in Zeiten der Krise?

Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsstrategien angesichts der Produktionseinschränkungen in der bundesdeutschen Montanindustrie 1957 bis 1993

In den Jahren 1957/58 erhielt die bundesrepublikanische Wirtschaftswundereuphorie mit dem Einbruch der Kohlenkrise im Ruhrgebiet einen ersten Dämpfer. In den folgenden Jahren mussten zahlreiche Zechen in der Region stillgelegt werden, Tausende Bergarbeiter wurden entlassen. Doch während in den 1960er-Jahren eine sektorale Massenarbeitslosigkeit dank gesamtwirtschaftlicher Vollbeschäftigung, Anpassungshilfen und Sozialpläne abgefangen werden konnte, waren die beschäftigungspolitischen Folgen des Produktionsrückgangs, den die Stahlindustrie in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte, kaum zu kompensieren. Trotz der Bemühungen, die Stilllegung von Produktionsstandorten der Stahlindustrie sozialverträglich zu gestalten, konnte ein Emporschnellen der Arbeitslosenzahlen in Montanregionen wie dem Ruhrgebiet nicht mehr verhindert werden. Eine Krisenstimmung breitete sich aus, deren Sprengkraft für die Zeitgenossen nur schwer einzuschätzen war.

Ausgangspunkt des geplanten Forschungsprojektes ist das sozio-kulturelle Spannungsfeld, das (drohende) Beschäftigungskrisen in einer modernen Erwerbsgesellschaft erzeugen können. Das Erkenntnisinteresse richtet sich erstens auf die diskursive Konstruktion der Krisenerzählungen, zweitens auf die Handlungsmaximen im Umgang mit Krisensituationen und drittens auf die Auswirkungen von Krisen auf das Wertesystem. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen drei Fragekomplexe, die am Beispiel der Entwicklung in der Montanindustrie im Ruhrgebiet zwischen 1957 und 1993 bearbeitet werden sollen:
Der erste Fragekomplex zielt auf die diskursive Konstruktion von Krisenerfahrungen: Welche Charakteristika der Entwicklung führten dazu, dass die Zeitgenossen sie als Krise wahrnahmen, deuteten und bewerteten? Welche Rolle spielten dabei negative Emotionen wie die Angst vor Arbeitslosigkeit und vor einer möglichen Erosion der ökonomischen, sozialen und politischen Ordnung? Lässt sich im Untersuchungszeitraum eine Verschiebung in der narrativen Struktur der Krisenerzählung erkennen? Wenn ja, worauf ist eine solche Veränderung der „Beschreibungskulturen“ zurückzuführen?
Ausgehend von dem Postulat des „guten Regierens“ nimmt der zweite Fragekomplex die Handlungsmaximen im Umgang mit Krisen in den Blick: Wie reagierten die involvierten Akteure auf die als krisenhaft bewerteten Ereignisse? Welche Lösungsstrategien entwickelten sie? Konnten sich bestimmte Ansätze als allgemein akzeptierte Standards des „guten Regierens“ in Zeiten der Krise durchsetzen? Wenn ja, gelang es, die einmal etablierten Maßstäbe auch auf nachfolgende Krisensituationen zu übertragen? Welche Faktoren waren für einen möglichen Wandel der Standards ausschlaggebend?
Drittens soll nach dem Einfluss der Krisenerfahrungen auf das Wertesystem der Erwerbsgesellschaft, insbesondere auf ihr Arbeitsethos, gefragt werden: Lösten die Beschäftigungskrisen der Montanindustrie einen Wertewandel in der bundesdeutschen Gesellschaft aus, die bis dahin die Vollbeschäftigung der Wirtschaftswunderzeit für einen stabilen Normalzustand gehalten hatte? Oder zugespitzter gefragt: Welche Auswirkungen hatten die Beschäftigungskrisen auf das Arbeitsethos einer Gesellschaft, die sich in ihrem Kern über die Erwerbsarbeit definiert? Wie gelang es dieser Gesellschaft, die dauerhafte Existenz von Massenarbeitslosigkeit in ihr Selbstbild zu integrieren?
Die Bearbeitung des ersten, auf die diskursive Konstruktion von Krisenerfahrungen abzielenden Fragenkomplexes soll auf Grundlage einer Presseanalyse sowie anhand der Verlautbarungen zentraler Akteure erfolgen.
Um im zweiten Schritt Aufschluss über deren Handlungs- und Lösungsstrategien zu erhalten, sollen dann die seitens der Europäischen Union implementierten Steuerungsinstrumente, die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung sowie die Verhandlungen von Arbeitgebern, Betriebsräten und Gewerkschaften über die Sozialpläne untersucht werden. Aber auch außerparlamentarische und außerbetriebliche Formen der Auseinandersetzung werden in den Blick genommen, z.B. die Demonstrationen und Streiks der Berg- und Stahlarbeiter und die Reaktionen der Kirchen.
Der dritte und letzte Fragekomplex, der sich dem möglicherweise durch die Beschäftigungskrisen ausgelösten Wertewandel widmet, soll am Beispiel der christlichen Soziallehre erörtert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Initiativen wie die Gemeinsame Soziale Arbeit der Konfessionen im Bergbau, die 1971 auch auf Opel in Bochum und damit auf die Beschäftigten eines wichtigen stahlverarbeitenden Betriebes im Ruhrgebiet ausgedehnt wurde. Des Weiteren sollen das Wirken und die Schriften von drei kirchlich-konfessionellen Persönlichkeiten untersucht werden: des Ruhrbischofs Franz Kardinal Hengsbach (1910 – 1991), des Jesuiten, Theologen und Wirtschaftswissenschaftlers Friedhelm Hengsbach (1937) sowie des ehemaligen Inhabers des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre an der Fakultät für Evangelische Theologie der Ruhr-Universität Bochum, Prof. em. Dr. Günter Brakelmann (1931).
Ziel des Projektes ist es, Erkenntnisse über das soziale System, die politische Kultur, die Arbeitsethik und die Emotionengeschichte der Bundesrepublik Deutschland zu gewinnen.


Kontakt

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Projektleiter

 

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Förderung

Deutsches Bergbau-Museum Bochum/Heinrich-Winkelmann-Stipendium

Kooperation

Laufzeit