Vorislamische Zinngewinnung in Mittelasien

Vorislamische Zinngewinnung in Mittelasien

Von 1997 bis 1999 wurden in Usbekistan und Tadžikistan montanarchäologische, archäometallurgische und siedlungsarchäologische Forschungen in einem von der VW-Stifung geförderten Projekt zur vorgeschichtlichen Zinngewinnung durchgeführt. Im Fokus der Untersuchungen lag das Zeravšan-Tal, in dem mehrere Zinnreviere mit prähistorischen Abbauspuren bekannt sind. Näher untersucht wurden hierbei die Reviere in Karnab und Lapas, zwischen Samarkand und Buchara gelegen, Čangali südwestlich von Kattakurgan und die Lagerstätte von Mušiston in Tadžikistan, unweit von Pendžikent. Die Auswertung des montanarchäologischen Teils des Projekts erfolgte im Rahmen einer Dissertation, die 2011 abgeschlossen werden konnte.

Metallfunde im Alten Orient bestehen seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. immer häufiger aus Bronze, einer Legierung aus Kupfer und Zinn, die einer ganzen Epoche ihren Namen gab –„die Bronzezeit“. Im Gegensatz zu Mitteleuropa, wo diese Legierung erst ab dem 2. Jt. v. Chr. auftritt, wird in der Vorderasiatischen Archäologie bereits das 3. Jt. als Frühe Bronzezeit bezeichnet. Da die entsprechenden Metallzusammensetzungen bereits seit dem vorigen Jahrhundert bekannt sind, stellt sich seither die Frage nach der Herkunft der Metalle Kupfer und Zinn im metallerzlosen Mesopotamien. Für das Kupfer kommen als Lieferanten Anatolien, Kaukasus, Iran und Oman in Frage. Hinsichtlich der Herkunftsbestimmung des Zinns greifen die zurzeit zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Methoden nicht und auch die Keilschrifttexte des 3. und 2. Jts. v. Chr. werfen mehr Fragen auf als sie beantworten.
Einen völlig neuen Hintergrund erhielt die Diskussion zur Herkunft des Zinns durch Zinnbarrenfunde von untergegangenen bronzezeitlichen Handelsschiffen. So hat der sensationelle Wrackfund von Uluburun vor der südwesttürkischen Küste mehr als 300 Kupfer- (10 t) und ca. 40 Zinnbarren (1 t) geliefert. An diesen Funden aus den Jahren um 1310 v. Chr. arbeitete der Forschungsbereich für Archäometallurgie? des DBM. Allerdings können diese Entdeckungen aus einer deutlich jüngeren Periode nur als Hintergrundinformation für die Herkunft des mesopotamischen Zinns im 3. Jt. dienen. Auch, wenn wir für die frühe Periode kaum ahnen können, woher das geladene Zinn kam, so war es doch reichlich verfügbar und wurde in großen Mengen und über weite Entfernungen verhandelt. Dass zu dieser Zeit bereits ein weitgespannter Handel mit Mittelasien bestanden hat, bezeugen die zahlreichen Lapislazuliobjekte in Ägypten oder den Königsgräbern von Ur, die aus Lagerstätten in Afghanistan stammen. Daher erscheint auch ein Handel mit Zinn aus Mittelasien durchaus im Bereich des Möglichen.
Die Zinn führenden Berge in Karnab liegen in einer Halbwüste, in einer Höhe von etwa 450-500 m und erstrecken sich über ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern. Der Untergrund wird von Granit gebildet, in den die Erzadern eingebettet sind. Das heutige Erscheinungsbild des Bergreviers wird im Wesentlichen von Prospektionsarbeiten sowjetischer Geologen aus den 1950er und 1980er Jahren geprägt. Die Oberfläche des Geländes ist sehr stark zerwühlt und von kilometerlangen Prospektionsgräben quer zu den W-O streichenden Erzgängen durchzogen.
Im Rahmen des Projektes wurden acht Gruben ausgegraben. Es handelt sich um Abbauschürfe, welche den an der Oberfläche zwischen Granit ausbeißenden senkrechten bzw. steil stehenden Erzgängen in die Teufe folgen. Die Gänge sind bis zu 1 m mächtig, meist jedoch nur rd. 60 cm breit und somit die Abbaue sehr eng. Die Gruben reichten bis in Teufen von mehr als 9,5 m, konnten jedoch wegen des Grundwasserspiegels nicht tiefer verfolgt werden. Dabei zeigte sich, dass die Erzgänge fast vollständig abgebaut worden waren. Zurück blieben lediglich geringe Reste des Erzes in den Bergfesten sowie zahlreiche Funde, darunter Keramik, Tierknochen und vor allem Tausende von Gezähen wie Hämmer oder Klopfsteine aus Kalkstein. Zum Vortrieb wurde die Feuersetzmethode eingesetzt. Eine im Osten des Reviers vollständig ausgegrabene Grube ist 30 m lang und 17 m tief. Charakteristische Schleifspuren belegen Seilförderung und -fahrung. Auch hier wurden zahlreiche Gezähe gefunden, dazu mittelbronzezeitliche Andronovo-Keramik. Bei einer durchschnittlichen Breite von 60 cm hat diese Grube einen Hohlraum von 270 m3, was etwa 730 t Gestein entspricht. Nimmt man eine Erzmächtigkeit von nur 5 cm an, so können mindestens 60 t Erz errechnet werden. Bei einem Zinngehalt von 2% lieferte diese Grube rd. eine Tonne Zinn, was der Ladung des Uluburun-Schiffes entspricht.
Vervollständigt wurde das Bild zur bronzezeitlichen Zinngewinnung durch die Entdeckung einer zugehörigen Bergarbeitersiedlung, etwa 1,5 km von den Gruben entfernt, welche von der Eurasien-Abteilung des DAI (Berlin) untersucht wurde. Das angetroffene Fundmaterial, Andronovo-Keramik, Schlägel und zinnreiches Erz, stimmt mit dem der Gruben überein und belegt die Zusammengehörigkeit von Bergbau und Siedlung. 14C-Datierungen verweisen auf eine kontinuierliche Nutzung des Zinnreviers von der Mitte des 2. Jts. bis zur Mitte des 1. Jts. v. Chr. Der vorgeschichtliche Bergbau im benachbarten Tadžikistan wurde durch moderne Prospektionsstollen Untertage angeschnitten. Er befindet sich in Mušiston in einem Seitentälchen des Zeravšans ganz im Nordwesten von Tadžikistan auf einer Höhe von ca. 3000 m. Die dort abgebauten Erzgänge enthalten u. a. Stannit, Malachit, Azurit und den nach der Lagerstätte benannten Mušistonit. Der Erzgehalt darin kann bis zu 50% Kupfer und 30% Zinn betragen. Während der Grabungskampagnen 1997 bis 1999 konnten insgesamt elf Grubenbaue Übertage und vier Aufschlüsse Untertage untersucht werden. Das Fundmaterial umfasste wie bei den Bergwerken von Karnab Andronovo-Keramik, Tierknochen sowie Steingezähe, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang als in Usbekistan. Dafür fanden sich Reste eines hölzernen Ausbaues, eine ausgesprochene Rarität in prähistorischen Bergwerken. Die Radiokarbondatierungen in den verschiedenen Gruben offenbaren, dass es mindestens zwei Abbauphasen gab. So verweisen die ältesten Daten aus einer Grube Übertage bereits ins 3. Jt. v. Chr. (2450-1935 v. Chr., cal. 2σ), womit diese Grube nicht nur die älteste im Revier ist, sondern der älteste bekannte bronzezeitliche Abbau auf Zinnerz in Mittelasien überhaupt. Dieser Phase zuzurechnen sind weitere 14C-Daten, die einen Schwerpunkt am Übergang zwischen dem 3. und 2. Jt. v. Chr. bilden und ebenfalls aus den kleinen Abbaukammern Übertage stammen. Die zweite Abbauphase schließlich markieren Daten Untertage von der Mitte bis zum Ende des 2. Jts. v. Chr.


Abgeschlossene Dissertation


Dr. Jennifer Garner
Die bronzezeitlichen Zinnbergwerke in Mittelasien


Projektleiter

Prof. Dr. Gerd Weisgerber

Förderung

VolkswagenStiftung

Kooperation

Deutsches Archäologisches Institut Berlin, Eurasien-Abteilung / H. Parzinger, N. Boroffka

TU Bergakademie Freiberg, Lehrstuhl für Archäometallurgie / E. Pernicka, J. Lutz

Akademie der Wissenschaften der Republik Tadžikistan in Dušanbe, Institut für Archäologie, Geschichte und Ethnographie / J. Jakubov, M. Bubnova, V. Radililoskij, D. Staršinin

Akademie der Wissenschaften der Republik Uzbekistan in Samarkand, Archäologischen Institut der / T. Širinov, Ju. F. Burjkov, V. Ruzanov; sowie dessen Außenstelle in Taškent / K. Alimov, L. Sverčkov

 

Laufzeit

1997 - 2000


Veröffentlichungen

  • K. Alimov, N. Boroffka, M. Bubnova, J. Burjakov, J. Cierny, J. Jakubov, J. Lutz, H. Parzinger, Prähistorischer Zinnbergbau in Mittelasien. Vorbericht der Kampagne 1997. Eurasia Antiqua 4, 1998, 137-199.
  • N. Boroffka, J. Cierny, J. Lutz, H. Parzinger, E. Pernicka, G. Weisgerber, Bronze Age Tin from Central Asia: Preliminary Notes. In: K. Boyle, C. Renfrew, M. Levine (Hrsg.), Ancient interactions: east and west in Eurasia. McDonald Institute Monographs (Oxford 2002) 135-159.
  • J. Cierny, G. Weisgerber, Bronze Age Tin Mines in Central Asia. In: A. Giumlia-Mair, F. Lo Schiavo (eds.): Le problème de l'étain à l'origine de la métallurgie. The Problem of Early Tin. BAR International Series 1199 (Oxford 2003) 23-31.
  • J. Cierny, T. Stöllner, G. Weisgerber, Zinn in und aus Mittelasien. In: Ü. Yalçın, C. Pulak, R. Slotta (Hrsg.), Das Schiff von Uluburun. Welthandel vor 3000 Jahren (Ausstellungskatalog, Bochum 2005) 431-448.
  • J. Garner, Das Zinn der Bronzezeit in Mittelasien II. Die Montanarchäologischen Forschungen der Zinnlagerstätten (Archäologie in Iran und Turan 12, Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum 194) (im Druck).
  • H. Parzinger, N. Boroffka, Das Zinn der Bronzezeit in Mittelasien I. Die siedlungsarchäologischen Forschungen im Umfeld der Zinnlagerstätten. Archäologie in Iran und Turan Band 5 (Mainz 2003).
  • G. Weisgerber, Prähistorischer Zinnbergbau in Mittelasien. TÜBA-AR 12, 2009, 235-258.
  • G. Weisgerber, J. Cierny, Ist das Zinnrätsel gelöst? Oxus 4, 1999, 44-47.
  • G. Weisgerber, J. Cierny, Tin for Ancient Anatolia? In: Ünsal Yalçin (Hrsg.), Anatolian Metal II. Der Anschnitt, Beiheft 15 (Bochum 2002) 179-186.