Prähistorischer Rötelbergbau auf Thasos

Prähistorischer Rötelbergbau auf Thasos

Die ältesten Untertagebaue Europas

Die Insel Thasos bildete in der Antike einen eigenen Staat, der auch Teile des gegenüber liegenden Festlandes einschloss und eigene Münzen prägte. Da die Insel besonders bei Herodot (VI, A6.A7) wegen des Reichtums ihrer Bergwerke gerühmt wurde, lag es nahe, die Herkunft des Münzmetalls aus den eigenen Lagerstätten anzunehmen. Im Verlaufe umfangreicher Geländearbeit ist es tatsächlich gelungen, die von den antiken Schriftstellern genannten Bergwerke erstmals zu lokalisieren. Dabei wurde unerwartet ein Rotockerbergwerk entdeckt, dessen Betrieb weit in prähistorische Zeiten zurück reicht. 

In den vergangenen Jahren hat das Deutsche Bergbau-Museum Bochum neben der laufenden Dokumentation vor- und frühgeschichtlichen Bergbaus aller Kulturbereiche mehrere Untersuchungen zum prähistorischen und antiken Bergbau Griechenlands durchgeführt, u. a. auf den Inseln Thasos und Sifnos. Ausgangspunkt der Untersuchungen war jeweils das Projekt des Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg, bei dem es darum ging, die Herkunft antiker Metalle bis in die jeweiligen Bergwerke zu bestimmen. Besonders wurde dies für die antiken Münzmetalle Gold und Silber angestrebt. 
In vier Kampagnen (1982-84 und 1993) untersuchten die Ephorie Kavalla des Griechischen Antikendienstes unter Leitung von Frau Dr. Chaido Koukouli-Chrysanthaki, die Zweigstelle Limenaria des Geologischen Dienstes (IGNE) unter Leitung von Dipl. Ing. Georgios Gialoglou und Prof. Dr. Gerd Weisgerber vom Deutschen Bergbau-Museum diese Rötelgrube. Der Grubenhohlraum war bereits 1956 bei Sprengarbeiten im Rahmen der Eisenerzgewinnung im Revier des Tagebaues Mavrolakos an einem Hang namens Tzines entdeckt, aber im Zuge der Stilllegung der Eisengruben von Thasos vergessen worden, so dass er sich bei Aufnahme der Untersuchungen 1982 noch unverändert zeigte.
Der ursprüngliche Zugang beziehungsweise die ursprüngliche Tagesöffnung der Grube 1 ist den Sprengarbeiten zum Opfer gefallen, so dass der Grubenhohlraum heute unmittelbar betreten wird. Bei 7 m Länge und bis zu 3 m Breite ist er von Süden nach Norden orientiert. Eine zweite Abbauweitung, die sich nach Norden anschließt, war durch den auf der Kammersohle liegenden Versatz fast völlig verschlossen. Der Schutt auf der Sohle lag weitgehend horizontal, stieg aber zum Durchschlupf zur zweiten Kammer hin an. Außerdem war dort ein großer Bergeblock mit hervorragend erhaltenen Arbeitsspuren deponiert worden. Nur an wenigen Stellen ragte das Liegende der Weitung aus dem Sohlenversatz. Im Durchschnitt waren 0,70 - 1,00 m lichte Höhe über dem Versatz frei geblieben. Nach Freiräumen der Sohle stellte sich diese als sehr uneben heraus, an manchen Stellen waren Vertiefungen entstanden, an anderen Gesteinsbuckel stehen geblieben.
Werkzeugfunde von Steinen, Hirschgeweihspitzen (cervus elaphus), Knochen oder Flint kamen im Sohlenhaufwerk zahlreich vor. Konzentrationen der Funde zeigten sich aber deutlich entlang der Stöße. Firste und Stöße waren ehedem teilweise mit sekundär entstandenen weißen Kaolinschichten bedeckt worden. Wo die Firste frei geblieben war, konnten zahlreiche Spuren vom Einsatz der Hirschgeweihkeile festgestellt und dokumentiert werden. Diese sind in der Regel in einer Länge von ca. 9-15 cm erhalten, wobei die ehedem spitzen Enden durch den Gebrauch soweit abgestumpft sind, dass sie etwa einer Fingerhutkuppe ähneln. In diesem Zustand waren sie unbrauchbar und wurden meist am Stoß abgelegt. Unter Umständen haben auch Langknochen, etwa vom Auerochsen, als Gezähe (Brechstange) gedient; sie sind aber selten. Als Schlaggerät, mit dem die Keile ins Gestein getrieben wurden, dienten Klopfsteine. Sie konnten leicht am Fuße des Hanges von Tzines oder in Bächen als handliche Gerölle aufgelesen werden. Aus dem häufigen Bruch der Geräte kann geschlossen werden, dass mit ihnen auch das Gestein direkt angegriffen wurde. Insgesamt wurden in Grube 1 über 400 Werkzeuge geborgen.
Bei Untersuchungen des Hangs oberhalb der Grube 1 konnten weitere Gruben entdeckt werden. Fast alle sind völlig zusedimentiert, konnten aber leicht an steilen Felswänden oberhalb kleiner Restöffnungen erkannt werden. Von den ursprünglich vermutlich 15-20 Gruben wurde noch eine weitere Grube untersucht. Die Grube 2 misst etwa 3 x 4 m in einer sehr unregelmäßigen ovalen Form. Von der Hauptweitung gehen noch zwei bis zu 3 m lange und teilweise äußerst enge Galerien ab. Die lichte Höhe der Weitung misst 1 bis 1,50 m bei fast ebener Firste und sehr bewegter, unebener und unregelmäßiger Sohle. Diese war bis zu 0,50 m mit Haufwerk bedeckt, in dem sich als Gezähe ausschließlich Klopfsteine fanden. Dementsprechend fehlen ganz im Gegensatz zur Grube 1 Arbeitsspuren von Geweihkeilen am Gestein. Es gibt keine scharfen Kanten, die Flächen sind immer rundlich und werden von kleinen Buckeln und Höhlungen gebildet, so dass man die Marken der einzelnen Schläge am Gestein erkennen kann. In Grube 2 kamen also unterschiedliche Vortriebs- und Gewinnungstechniken zum Einsatz. Sie wurden wahrscheinlich durch unterschiedliche geologische und lagerstättenmäßige Bedingungen hervorgerufen.
Das Eisenerz ist in Tzines in dem gebirgsbildenden Marmor so unregelmäßig eingelagert, dass sich ein moderner Abbau dort nicht lohnen konnte. Der alte Bergmann suchte jedoch nur den zu rotem Ocker aufgewitterten Hämatit, ihm waren die einzeln am Hang von Tzines ausbeißenden Erzkörper groß genug. Der Hämatit enthält zahlreiche kleine Hohlräume und an den Wänden dieser Hohlräume saß der puderige Rotocker oder Rötel. Während der Gewinnungsarbeiten kam es also darauf an, diese kleinen Hohlräume anzutreffen und den Farbstoff mit feinen Knochengeräten (Spitzen und Spateln) auszuschaben. Das Pigment wurde dann in ausgehöhlten Stangenteilen von Hirschgeweihen gesammelt. Davon konnten einige Fragmente im Versatz angetroffen werden.
Die 14C-Datierung eines Knochens aus Grube 1 erbrachte eine Datierung von 20.350+ 160 BP. Die frühe Datierung wird durch Knochenfunde von Auerochsen und Equiden sowie durch das Vorhandensein der Saigaantilope bestätigt. Letztere kam zuletzt im Spätglazial vor, als man die heutige Insel Thasos trockenen Fußes erreichen konnte. Somit stellen die Pigmentgruben von Tzines den ältesten Untertagebau Europas dar.

Laufende Dissertation


Chiara Levato M.A.
Functional Analysis of Macro-Lithic Tools from The Upper Palaeolithic Hematite Mines of Tzines (Thasos, Greece)


Projektleiter

Prof. Dr. Gerd Weisgerber

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Förderung

 

Kooperation

Ephorie Kavalla und Chaido Koukouli-Chrysanthaki, Griechischer Antikendienst

Georgios Gialoglou, Zweigstelle Limenaria des Geologischen Dienstes (IGNE)

Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg

Laufzeit

abgeschossen



Veröffentlichungen

  • KOUKOULI-CHRYSANTHAKI, Ch. & WEISGERBER, G., "Prehistoric ochre mines on Thasos." In: Ch. Koukouli-Chrysanthaki, A. Muller, St. Papadopoulos (Hrsg.), Thasos. Matières premières et technologie de la préhistoire à nos jours. Actes du Colloque International 26-29/9/1995 (1999), Thasos, Liménaria. Paris, 129-144.
  • KOUKOULI-CHRYSANTHAKI, Ch., WEISGERBER, G., GIALOGLOU,G., "Prähistorischer und junger Bergbau auf Eisenpigmente auf Thasos." in: WAGNER & WEISGERBER 1988, 241-244.
  • WAGNER, G. A. & WEISGERBER, G. (Hrsg.): "Antike Edel- und Buntmetallgewinnung auf Thasos." Der Anschnitt: Beiheft 6 (= Veröffentlichung aus dem Deutschen Bergbau-Museum Nr. 42). Bochum 1988.
  • WEISGERBER, G., CIERNY, J., KOUKOULI-CHRYSANTHAKI, Ch., "Zu pläolithischer Gewinnung roter Farbmineralien auf der Insel Thasos." In: Ü. Yalcin (Hrsg.), Anatolian Metal IV. Der Anschnitt, Beiheft 21, Bochum 2008, 179-190.