Prähistorische Salzgewinnung am Dürrnberg/Hallein, Österreich

Prähistorische Salzgewinnung am Dürrnberg/Hallein, Österreich

Der Dürrnberg – etwa 20 km südlich von Salzburg gelegen – zählt zu den bedeutendsten eisenzeitlichen Fundorten Mitteleuropas: Zeugnisse des späteisenzeitlichen (latènezeitlichen) Salzbergbaues und reich ausgestattete Gräber vermitteln eine Vorstellung von den sozialen Verhältnissen und der geistigen Kultur der Salzbergbaumetropole. Teilweise sehr gut erhaltene zeitgleiche Siedlungsstellen geben über Art und Umfang der mit dem Salz verbundenen Handwerke und Gewerbe Auskunft. Durch diese einmalige Verknüpfung unterschiedlicher archäologischer Fundquellen ist das Bergbauensemble Dürrnberg wie geschaffen für wirtschaftsarchäologische Studien mit Modellcharakter.

Die prähistorische Salzwirtschaft ist nach heutigem Wissensstand vielfältig in das voralpine und inneralpine Umland eingebunden und scheint ertragsseitig stark vom Fernhandel abhängig gewesen zu sein. Seit 1990 finden Untersuchungen zur Versorgung dieses alpinen, eisenzeitlichen Großbetriebes statt: Die Ausdehnung und Siedlungsrandlagen des Fundplatzes werden mit modernen Prospektionsmethoden erfasst: So stieg die Anzahl der Fundstellen in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich an.
Die archäologischen Ausgrabungen konzentrieren sich besonders auf das untertägige Salzbergwerk. Prähistorische Abbaubereiche sind dank des noch aktiven Salzbergbaus zugänglich. Allerdings verfallen die Strecken fortlaufend: Von den 79 historisch überlieferten archäologischen Fundstellen sind nur noch sieben erreichbar. Hier konnten wir mit Unterstützung der „Salinen Austria“ intensive, mehrjährige Grabungsarbeiten durchzuführen und Teilbereiche der großen Steinsalzabbaue freilegen.

Unsere Forschungen im sogenannten „Georgenberghorizont-Vorhaupt“ ergaben beispielsweise, dass hier bereits im 5./4. Jahrhundert v. Chr. Salz abgebaut wurde. Durch den Einbruch einer Mure (Schlamm-Geröll Lawine) fanden die damaligen Arbeiten ein jähes Ende, bevor der Bereich dann im 3. Jahrhundert. v. Chr. erneut geöffnet wurde. Noch erhaltene, kleinere Strecken und Schächte stammen aus dem Mittelalter – zwischen 1300 und 1500 n. Chr.
Bei unseren Arbeiten im Georgenberg-Horizont kommt es immer wieder zu Überraschungen: So entdeckten wir an der Unterkante des Abbaus eine weitere, salzreiche Haukleinschicht (sog. kerniges Heidengebirge). Aufgrund ihrer stratigrafischen Lage betrachteten wir sie zunächst als der älteren Phase zugehörig. Dendrochronologischen Datierungen an Leuchtspänen zufolge ist sie aber jünger und gehört in die Mittellatènezeit; es handelt sich also um eine Unterfahrung und somit eine Ausweitung des Grubenbaus in dieser Zeit. Unsere Untersuchungen belegten, dass diese jüngere Bergbauphase im Georgenberg noch großflächiger als jene der vorangegangenen Späthallstatt-/Frühlatènezeit gewesen sein muss. Solche Ergebnisse sind unserem mittlerweile 35 m langen und über 20 m hohem Profil zu verdanken; es ist bisher das größte im Salinar.

An der sogenannten Fundstelle „Ferro-Schachtricht“ konnten wir den beinahe 200 m tiefen Salzabbau in seiner ganzen, sehr raumgreifenden Struktur dokumentieren: Zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. fand der Abbau sogar in einer Art Zweietagenbetrieb statt.

Durch die konservierende Wirkung des Salzes haben sie sich viele organische Funde Untertage erhalten: Bunte Textilien, Leder- und Fellreste der Bekleidung, Gerätschaften aus Holz und vieles mehr liefern Informationen zu den damaligen Arbeitsumständen. Mittels archäobotanischer Untersuchungen dieser Funde können wir ein differenziertes Bild über die Versorgungslage des Bergbauorts zeichnen: Wir erhalten Hinweise zur Saisonalität der Salzproduktion, zur Größe und Zusammensetzung der Arbeitsmannschaften sowie den Gesundheitszustand der Bergleute. Sie litten offenbar an Darmparasiten wie Untersuchungen an den zahlreichen, konservierten Exkremente belegen.

Dendrochronologische Ergebnisse vermitteln einen guten Eindruck davon, mit welchen zeitlichen Dimensionen und welchen Produktionskapazitäten gerechnet werden muss: Nach vorsichtigen Kalkulationen waren zur Blütezeit des Bergbaues mindestens fünf Salzgruben gleichzeitig in Betrieb, jede mit Belegschaften von mindestens 30 bis 60 Bergleuten.


Laufende Dissertation

Gabriela Ruß-Popa
Untersuchungen zur eisenzeitlichen Leder- und Felltechnologie

Abgeschlossene Hochschularbeiten

Christoph Kremer
Die Keramik der latènezeitlichen Gewerbesiedlung im Ramsautal am Dürrnberg bei Hallein

Antje Sprung
Bernsteinhandel der Eisenzeit anhand der Funde von Hallstatt und Hallein-Dürrnberg


Projektleiter

Prof. Dr. Thomas Stöllner

Teammitglieder DBM

Gero Steffens

Dr. Siegfried Müller FB Bergbautechnik

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Forschungsbereich Montanarchäologie



Veröffentlichungen

Dürrnberg-Forschungen
(herausgegeben vom Österreichischen Forschungszentrum Dürrnberg in Verbindung mit dem Salzburg Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dürrnberg (Hallein), Vorgeschichtliches Seminar der Universität Marburg, Naturhistorisches Museum Wien und Deutsches Bergbau-Museum Bochum;
Verlag Marie Leidorf GmbH

  • Dürrnberg-Forschungen 1
    Abt. Bergbau.
    Der prähistorische Salzbergbau am Dürrnberg bei Hallein I.
    Forschungsgeschichte – Forschungsstand – Forschungsanliegen.
    Thomas Stöllner
    Mit Beiträgen von Claus Dobiat, Gustav Langer, Andreas Schäfer und Johann Franz Schatteiner
    186 Seiten, 31 Abbildungen, 43 Tafeln.
    Rahden/Westf. 1999<
  • Dürrnberg-Forschungen 2
    Abt. Naturwissenschaft.
    Archäozoologische Untersuchungen am Tierknochenmaterial der keltischen Gewerbesiedlung im Ramsautal auf dem Dürrnberg (Salzburg).
    Erich Pucher
    Mit Beiträgen von Thomas Stöllner und Karin Wiltschke-Schrotta
    135 Seiten, 20 Abbildungen, 108 Tabellen, 9 Diagramme, 5 Tafeln.
    Rahden/Westf. 1999
  • Dürrnberg-Forschungen 3
    Abt. Bergbau.
    Der prähistorische Salzbergbau am Dürrnberg bei Hallein II.
    Die Funde und Befunde der Bergwerksausgrabungen zwischen 1990 und 2000.
    Textband und Tafelband.
    Thomas Stöllner
    Unter Mitarbeit von Christian Froh, Katharina von Kurzynski, Manfred Linden, Bernhard Schroth, Norbert Wiesner und Eva Zwissler
    534 Seiten, 130 Abbildungen, 420 Tafeln, 6 Beilagen, 1 Datenträger.
    Rahden/Westf. 2002
  • Dürrnberg-Forschungen 4
    Abt. Siedlung.
    Die eisenzeitlichen Bauhölzer der Gewerbesiedlung im Ramsautal am Dürrnberg bei Hallein.
    Wolfgang Lobisser
    302 Seiten, 79 Abbildungen, 9 Tafeln.
    Rahden/Westf. 2005
  • Dürrnberg-Forschungen 5
    Abt. Gräberkunde
    Der Dürrnberg bei Hallein.
    Die Gräbergruppen Kammelhöhe und Sonneben.
    Stefan Moser, Georg Tiefengraber und Karin Wiltschke-Schrotta
    Mit einem Beitrag von Mona Abd El Karem
    Rahden/Westf. 2011
  • Dürrnberg-Forschungen 6
    Abt. Gräberkunde.
    Der Dürrnberg bei Hallein
    Die Gräbergruppe Moserfeld-Osthang
    Georg Tiefengraber und Karin Wiltschke-Schrotta
    Mit einem Beitrag von Mona Abd El Karem
    Rahden/Westf. 2012
  • Dürrnberg-Forschungen 7
    Abt. Gräberkunde.
    Der Dürrnberg bei Hallein.
    Die Gräbergruppe Hexenwandfeld.
    Georg Tiefengraber und Karin Wiltschke-Schrotta
    Mit einem Beitrag von Mona Abd El Karem
    Rahden/Westf. 2014
  • Dürrnberg-Forschungen 8
    Abt. Gräberkunde.
    Der Dürrnberg bei Hallein.
    Die Gräbergruppen Lettenbühel und Friedhof.
    Georg Tiefengraber und Karin Wiltschke-Schrotta
    Mit einem Beitrag von Mona Abd El Karem
    Rahden/Westf. 2015
  • Dürrnberg-Forschungen 9
    Abt. Gräberkunde.
    Der Dürrnberg bei Hallein.
    Die Gräbergruppe am Römersteig.
    Holger Wendling und Karin Wiltschke-Schrotta
    Mit Beiträgen von Mona Abd El Karem und Nicole Boenke
    Rahden/Westf. 2015