Von der Mechanisierung zum vernetzten System – Automatisierung des Ruhrbergbaus seit den 1960er Jahren

 Von der Mechanisierung zum vernetzten System – Automatisierung des Ruhrbergbaus seit den 1970er Jahren

In den 1960er Jahren setzte ein internationaler Diskurs um die „Humanisierung der Arbeitswelt“ ein, der eine Verringerung der körperlichen und geistigen Arbeitsbelastungen durch technische und organisationelle Innovationen versprach. Hierbei stand auf der technischen Seite der vermehrte Einsatz von Maschinen in Verbindung mit den sich abzeichnenden Möglichkeiten der Fernsteuerung. Die belastenden Tätigkeiten in schwierigen Umgebungen schienen vereinfacht oder vermieden werden zu können. Gleichzeitig stand der Einsatz von Maschinen auch für eine Verminderung von Fehlern: Maschinen ermüden nicht, bleiben „konzentriert“ und verlieren keine Kraft, so die zeitgenössische Meinung. Das galt erst recht, wenn auch die Steuerung der Maschine durch Maschinen erfolgen könnte. Das Ergebnis war eine idealisierte Vorstellung der vollautomatisierten und damit menschenlosen Produktion. Auf den Bergbau übertragen bedeutete das: Die äußerst beschwerliche und gefährliche Arbeit vor Ort könnte durch Automatisierung erleichtert oder vermieden, die Produktion verstetigt und rationaler betrieben werden. Ein vor dem Hintergrund der Kohlenkrise(n) weiterer Grund, die Automatisierung voranzutreiben, war die Möglichkeit, den Personalstand und damit die hohen Personalkosten zu senken.

Anhand ausgewählter Beispiele wird der Umgang des deutschen Steinkohlebergbaus mit den Möglichkeiten der Automatisierung untersucht. Während insbesondere in Großbritannien ab Mitte der 1960er Jahre mehrere neue Bergwerke mit dem Ziel konzipiert wurden, als „Push-Button-Mine“ weitgehend automatisch zu fördern, blieben derartige Unternehmungen an der Ruhr aus. Die britischen Erwartungen wurden nicht erfüllt, Automatisierungsversuche im Bergbau gestalteten sich weit schwieriger als erwartet, weshalb bei den unter dem Dach der neugegründeten RAG in Angriff genommenen Rationalisierungsmaßnahmen elektronische Vor-Ort-Lösungen in den Hintergrund traten. Im Mittelpunkt entsprechender Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in den 1970er Jahren stand stattdessen der Aufbau einer den gesamten Grubenbetrieb umfassenden ganzheitlichen Erfassung von betrieblichen Daten. Doch erst das Aufkommen von Mikroprozessoren in den 1980er Jahren ermöglichte die Erfassung, Übertragung und Verarbeitung der anfallenden Datenmengen. Eine zentral koordinierte (Fern-)Steuerung geriet wieder in den Bereich des Möglichen. Der „mannlose Streb“ blieb jedoch weiterhin eine Utopie und bis heute haben sich nur in Teilbereichen vollautomatische Steuerungen durchgesetzt.
Das Projekt untersucht, mit welchen spezifischen Schwierigkeiten die Akteure bei der Verwirklichung automatisierter Betriebsbereiche konfrontiert waren. Dabei hat sich der Automatisierungsbegriff als ein schillerndes Schlagwort mit äußerst vielfältigen Erscheinungsformen erwiesen, die es zu identifizieren gilt. Die verschiedenen Automatisierungsvorhaben ermöglichen in ihrer Eigenschaft als bergbauliche Querschnittsthemen, die Konzepte regionaler Innovationssysteme und -kulturen am Beispiel des Bergbaus zu verbinden. Im Mittelpunkt der Untersuchung werden dabei sowohl die Forschungsinstitute des Bergbaus, als auch die Bergwerke der RAG und die Zulieferindustrie stehen.


Projektleiter

Dr. Lars Bluma

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Förderung

RAG-Stiftung

Kooperationspartner

Prof. Dr. Helmut Maier (Betreuer), Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Laufzeit

seit 2015