Data Mining the Museum – Das Museumsobjekt als mediales Netzwerk am Beispiel des Deutschen Bergbau-Museums Bochum

Kleine Karteikarte
Foto: DBM/montan.dok

Die Musealisierung eines Gegenstandes ist ein komplexer Prozess aus Selektion, Registrierung, Inventarisierung und Katalogisierung. Erst diese Schritte ermöglichen die bestimmten musealen Gebrauchsweisen der Objekte zu deren Erhalt, Erforschen und Ausstellen. Diese Arbeitsweisen sind von zahlreichen Standardisierungsversuchen und Regelwerken gekennzeichnet, um stetige Datenqualität und dauerhafte Datenspeicherung zu erreichen.
Gleichzeitig sind die Praktiken des Inventarisierens auch innerhalb einer Institution historisch und medial höchst verschieden, weisen stark differente Zugänge zum Objekt auf und sind nicht immer aufeinander abgestimmt. Paradoxerweise führt somit die Existenz unzähliger Ordnungssysteme wie Eingangs- und Inventarbücher, Karteizettel, Inventarnummern und Datenbanken zur Unordnung, zu einem schwer zu überschauenden Wissensnetz, dem stets die Gefahr droht, nicht mehr entwirrt werden zu können.

Am Beispiel der Sammlungsdokumentation des Deutschen Bergbau-Museums Bochum will die Dissertation nach den Implikationen digitaler Technologie für die Wissenserzeugung und Dokumentation fragen: Wie bestimmen die Dokumentationsmedien einer Sammlungsdokumentation die Zusammensetzung der Sammlung, die Aufnahmekriterien eines Objektes, das Wissen zu den Objekten und schließlich auch die Konstitution der Objekte selbst? In welchem Wechselspiel stehen dabei besonders analoge und digitale Dokumentationsmittel?

Am 1930 gegründeten Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) wurden im Laufe der Zeit verschiedene Verzeichnis- und Dokumentationspraktiken angewendet, im Analogen wie im Digitalen. Eine Besonderheit am DBM ist die im Museumsbereich relativ frühe Einführung einer digitalen Sammlungserfassung im Jahr 1976. Als Grundlage diente die Rechenanlage der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (WBK). Für die wissenschaftlich-systematische Aufbereitung der Objekte sollte die EDV-Erfassung eine Schlüsselrolle spielen, insbesondere sollte sie den Überblick über die Bestände in Sammlung, Bibliothek und Fotothek wieder herstellen, die verschiedenen Dokumentationsbereiche untereinander vernetzen und zeitaufwendiges Suchen in den Eingangsbüchern und der Sammlungskartei vermeiden. Zu diesem Zweck entwarfen die Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter des Museums zusammen mit den Mitarbeitenden des Rechenzentrums der WBK verschiedene Systematiken, die das Material chronologisch, inhaltlich, nach Rohstoffen usw. gliedern sollen, gleich ob es sich um archäologische Befunde, Mineralien, Sammlungsobjekte, Akten oder Bücher handelte.

Als theoretische Grundlage sollen die Begriffe der „Affordanz“, basierend auf James J. Gibson, sowie des „Skripts“ laut Madeleine Akrich dienen. Mit „Affordanz“, auch „Angebotscharakter“, werden die Möglichkeiten bezeichnet, die ein Objekt für bestimmte Aktionen bereithält. Gerade in der englischsprachigen Mediensoziologie und Medienanwendungsforschung wurde der Begriff rezipiert und konzeptionell erweitert. Mit dem „Skript“ bezeichnet Akrich die Version der Welt, die durch Designer in technische Objekte eingeschrieben wurde und mit der die Akteure definiert und Kompetenzen delegiert werden. Die „De-Skription“ erfolgt anhand von Widersprüchen, Aushandlungen oder Situationen potentiellen Zusammenbruchs, wie z. B. bei Innovationen, Technologietransfers, Fehlfunktionen oder Improvisationen.

Mit Hilfe beider Begriffe sollen in einer Mikroperspektive die Handlungsketten in der Sammlungsdokumentation am DBM, bestehend aus Dokumentationsmedien, Museumsmitarbeitenden, Ressourcen und dem Museumskonzept, zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten untersucht werden: Die Verzeichnung mittels Sammlungskartei ab 1940, die Einführung einer computergestützten Dokumentation ab 1976 und deren Umstrukturierung um 2003. Durch den diachronen Vergleich können zudem Reaktionen auf Veränderungen des Netzwerkzusammenhanges und die Rolle nicht intendierter Effekte von Zufälligkeit und Inkohärenz in den Blick geraten.

Als Vorbild für die speziellen quellenkundlichen Arbeiten in einer Sammlungsdokumentation soll Ulfert Tschirners Dissertation über das Bilderrepertorium des Germanischen Nationalmuseums dienen. Tschirner zeigt, wie die beiläufigen, dezenten und auch sehr vagen Spuren vergangener Verzeichnisarbeiten heuristisch zu behandeln sind. Charakteristische Spurenprofile und wiederkehrende Muster lassen sich dabei im Verbund mit möglichen Datierungen (der Handschrift, der verwendeten Begriffe, der Objektzugänge usw.) museumshistorischen Zeitschichten zuordnen. Folgt man diesen Spuren, erhält man historische Schichten von Handlungsroutinen, bewusster Wahrnehmung und auch Vernachlässigung der Dokumentationsmedien. So lassen sich „sammlungsarchäologische Konstellationen“ identifizieren, die das Schreiben einer Sammlungsgeschichte eines Bestandes ermöglichen. Diese gelte es auch auf ihre Funktion bei der Konstituierung musealer Objekte zu befragen. Auf diese Art sollen über Bearbeitungsspuren die Affordanzen der Dokumentationsmedien durch vergangene Praktiken und Improvisationen erfasst und mit den Skripten der Regelwerke, Formulare und Standards kontrastiert werden, um so auf Widerstände, Diversitäten und Aushandlungsprozesse zu stoßen, die es schließlich ermöglichen, die Einflüsse der Dokumentationsmedien auf die Wissensbildung zu rekonstruieren.


Kontakt

Claus Werner

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok

Förderung

RAG-Stiftung

Laufzeit

seit Februar 2017