Kalkriese als Ort der Varusschlacht? – eine anhaltende Kontroverse

 
Foto: Manfred Pollert

Untersuchungen zur kulturhistorischen Kontextualisierung der archäologischen Funde des antiken Schlachtfeldes von Bramsche-Kalkriese

Der archäologische Fundplatz in der Senke von Kalkriese-Niewedde hat sich längst als Ort der Varusschlacht einen Namen gemacht, in welcher Germanen im Jahre 9 n. Chr. drei römische Legionen vernichtend besiegten. Trotz vieler Argumente ist die Identifizierung des legendären Schlachtfeldes im Teutoburger Wald nicht unumstritten. Kritiker sehen in Kalkriese stattdessen eines der Schlachtfelder des römischen Feldherrn Germanicus, der fünf Jahre später seine Legionen gegen die Germanen ins Feld führte. Dem Bericht von Tacitus zufolge besuchte Germanicus 15 n. Chr. das Schlachtfeld der verheerendsten römischen Niederlage und ließ Varus Soldaten bestatten.

Zweifelsohne haben in Kalkriese Römer gegen Germanen gekämpft. Doch welche Schlacht fand hier tatsächlich statt? Handelte es sich um die aus römischer Sicht demütigende Niederlage des römischen Statthalters Varus oder um einen geglückten Rachefeldzug des römischen Feldherrn Germanicus? Noch sind nicht alle Fundstücke aus Kalkriese ausgewertet. Zwar wurden sämtliche Funde katalogisiert und publiziert, jedoch noch nicht endgültig und kulturhistorisch interpretiert. Und genau hier setzt das aktuelle Forschungsprojekt an und hat sich zur Aufgabe gemacht, den kulturhistorischen Kontext der archäologischen Funde zu bestimmen. Dazu untersuchen Wissenschaftler des Forschungsbereichs Materialkunde des DBM, des Museums Kalkriese und der LMU München in vier unterschiedlichen Ansätzen unter Anwendung verschiedener Technologien und Methoden ausgewählte Fundgruppen der Sammlung Kalkriese.

In einem Projektmodul werden die Funde hinsichtlich ihrer kulturellen und historischen Aussagefähigkeit ausgewertet. Viele Artefakte sind so zerstückelt und fragmentiert, dass es bislang nicht möglich war, ihre Funktion und ihren Gebrauch zu bestimmen. Neue hoch auflösende Analysetechniken erlauben nun Erkenntnisse zur Fertigung und Produktion sowie zum Gebrauch der Fundstücke.

Forscher des DBM gehen in einem weiterem Projektmodul der Frage nach, ob Militaria einzelner römischer Legionen einen sogenannten metallurgischen Fingerabdruck (ein bestimmtes Muster der chemischen Zusammensetzung) aufweisen, anhand derer die Legionen unterschieden werden könnten. Mit neuesten Analysemethoden wollen die Materialkundler des DBM die Herkunft der in Kalkriese untergegangenen römischen Einheiten durch den Vergleich mit weiteren römischen Fundplätzen wie Xanten und Vindonissa klären. Den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des DBM kommt daher eine über das Projekt hinausreichende Bedeutung zu, was Forschungen zum römischen Militär und Militaria anbelangt.

Zwei weitere Projektmodule fokussieren sich auf römische Glasaugen und zusammengefaltete Bleche. Bei beiden Fundgruppen ist ihre ursprüngliche Funktion noch unklar. Bei ersteren sollen Materialanalysen klären, wo die Glasaugen ursprünglich angebracht waren. Die Bleche wiederum können heute mittels digitaler Rekonstruktionstechniken sozusagen virtuell entfaltet werden. Damit ließe sich die Frage beantworten, ob es sich um römisches oder germanisches Altmetall handelt und von welcher Seite es vermutlich wieder verwendet werden sollte.

Mit den jeweiligen unterschiedlichen Ansätzen und Untersuchungsmethoden versprechen sich die Wissenschaftler des Gesamtprojekts neue Erkenntnisse zur Frage: Varus oder Germanicus?


Kontakt

Annika Diekmann

DBM-Projektleiter

Prof. Dr. Michael Prange

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Forschungsbereich Materialkunde

Förderung

VolkswagenStiftung

Laufzeit

2017-2019