Für den Besuch gelten Schutz- und Hygienemaßnahmen. Zur Übersicht...
Erschließung des Nachlasses und Erstellung eines Bestandskataloges
Das architektonische Werk der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer
Fritz Schupp (1896-1974) und Martin Kremmer (1895-1945) gelten heute als die bedeutendsten Architekten von Bergwerksanlagen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Architektengemeinschaft war bei nahezu jeder größeren Werksanlage im Ruhrgebiet in Planung und Ausführung involviert und hat den Industriebau, vor allem im Bergbau, maßgeblich beeinflusst. Ihre Gestaltung im Sinne der klassischen Moderne hatte eine Vorbildfunktion für zahlreiche weitere Anlagen. Die Bedeutung ihres Gesamtwerks unterstreicht nicht zuletzt der einzigartige Umstand, dass mit dem Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar sowie der Zeche und Kokerei Zollverein in Essen-Katernberg gleich zwei verwirklichte Entwürfe des bis 1945 gemeinsam geführten Architekturbüros zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.

Während eine eigentliche schriftliche Überlieferung der ehemaligen Architektengemeinschaft nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr vorhanden ist, gelangte ein sehr umfangreiches Konvolut zeichnerischer Planunterlagen in den Besitz des Essener Nachfolgebüros Dipl.-Ing. Herbert Gunia, BDA. Auf Betreiben von PD Dr.-Ing. Wilhelm Busch und mit Unterstützung von Herbert Gunia setzten zu Beginn des Jahres 2002 Überlegungen ein, den Planbestand in eine geordnete archivische Pflege zu überführen. Denn der Nachlass gilt als einzigartiger Quellenfundus für die Geschichte des Industriebaus im Bergbau während des 20. Jahrhunderts. Mehr als 17.500 Pläne befinden sich seitdem im Bergbau-Archiv und werden dort unter der Nummer 223 als eigener Bestand geführt.

Sowohl eine archivgerechte restauratorische und konservatorische Behandlung und Lagerung der Planmaterialien, eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Tiefenerschließung des Bestandes als auch dessen historische Erforschung in Form einer Dissertation waren Ziele des daraufhin initiierten und bewilligten Projekts – gefördert durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

Der zeichnerische Nachlass Schupp/Kremmer ist heute vollständig verzeichnet und digitalisiert; im Rahmen des Projekts ist u.a. ein Bestandskatalog erstellt und publiziert worden: Nach einem einleitenden Teil mit inhaltlich übergeordneten Texten folgen darin Beschreibungen der einzelnen Bauprojekte, ergänzt durch spezifische Angaben (Anzahl der Pläne, Laufzeit, Beteiligte Körperschaften etc.) und Fotografien. Über eine im Bestandskatalog enthaltene DVD sind sämtliche Einzelpläne sowie Zusatzinformationen abrufbar. Ein überarbeitetes Werkverzeichnis gibt den aktuellen Forschungsstand zum Gesamtwerk von Fritz Schupp und Martin Kremmer wider.

Der Nachlass dokumentiert fünf Jahrzehnte Planungstätigkeit der Jahre 1921 bis 1971. Die innerhalb des Projekts erarbeitete Dissertation behandelt zunächst die Studienzeit und den Beginn der Berufsausübung der beiden Architekten sowie ihre ersten Großprojekte (Zentralkokereien Alma und Nordstern, Zentralschachtanlage Zollverein 12) vor dem Hintergrund der Modernisierungs- und Konzentrationsbemühungen der 1920er-Jahre und der Gründung der Vereinigte Stahlwerke AG. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Tätigkeit des Büros Schupp/Kremmer im Nationalsozialismus. Die Autarkie- und Aufrüstungsbestrebungen der Machthaber sorgten für eine regelrechte Auftragsflut. Basierend auf den Projekten Schupp/Kremmers in den Bereichen Bergbau und synthetischer Treibstoffherstellung wird der Versuch unternommen, einen Beitrag zur Entkräftung der Legende vom Industriebau als ‚Nische‘ moderner und ‚unbelasteter‘ Architektur während des Nationalsozialismus zu leisten. In der Nachkriegszeit versuchte Fritz Schupp erfolgreich, in seinen Planungen zur Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ an kubisch-funktionale Entwürfe der 1920er- und frühen 1930er-Jahre anzuknüpfen. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist der Umgang des Büros Schupp/Kremmer bzw. des Büros Fritz Schupp mit neuen Konstruktionen und Materialien, welcher insbesondere für den Zeitraum der 1950er- und 1960er-Jahre untersucht wird.

Bei der Durchsicht der Zeichnungen fiel die konservative, für eine traditionelle, handwerkliche Ausführung bestimmte Gestaltung auf. Sie trifft insbesondere auf Gebäude zu, die für Menschen und nicht für technische Anlagen konzipiert waren, beispielsweise Verwaltungsgebäude und Sozialbauten. Der hohe Anteil an konservativ orientierten Entwürfen im Nachlass steht in einem krassen Gegensatz zu dem Bild der klaren, kubisch-funktionalen Industriearchitektur, mit der das Büro noch heute assoziiert wird. Durch die wissenschaftliche Auswertung des Nachlasses Schupp/Kremmer konnte die Bandbreite der Aufgaben und ihre gestalterische Vielfalt erstmals in dieser Deutlichkeit herausgestellt werden. Gerade der nicht-lineare Verlauf, die Brüche und Kontradiktionen im Gesamtwerk belegen seine Relevanz für eine Architekturgeschichte, die sich mit dem Pluralismus und den besonderen Problemen und Aufgabenstellungen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt.

Informationen zum Projekt

Kontakt

Dr.-Ing. Kristina Pegels-Hellwig

Projektleitung
Team

Dr. Michael Farrenkopf

Brigitte Kikillus

Dr.-Ing. Kristina Pegels-Hellwig

Dr. Stefan Przigoda

Prof. Dr. Rainer Slotta

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

beteiligte forschende Bereiche
Laufzeit

01.07.2004 – 31.12.2010

Förderung
Kooperation

PD Dr.-Ing. Wilhelm Busch, Mönchengladbach

RWTH Aachen, Fakultät für Architektur

  • Michael Farrenkopf (Bearb.): Vom Entwurf zum Depositum. Über den wissenschaftlichen Umgang mit dem zeichnerischen Nachlass der Industrie, Bochum 2007 (= Das architektonische Werk der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, hrsg. v. Wilhelm Busch/Michael Farrenkopf/Rainer Slotta, Bd. 1; zugleich: Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 154; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 19).
  • Wilhelm Busch/Michael Farrenkopf/Rainer Slotta (Hrsg.): Das architektonische Werk der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, Bd. 2: Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer. Inventar und Bestandskatalog, Bochum 2011 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 183; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 23).
  • Kristina Pegels-Hellwig: Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer 1921-1971, Bochum 2012 (= Das architektonische Werk der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, hrsg. v. Wilhelm Busch/Michael Farrenkopf/Rainer Slotta, Bd. 3; zugleich: Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 185; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 24).
  • Wilhelm Busch/Kristina Pegels: Vom Entwurf zum Weltkulturerbe. Erschließung des zeichnerischen Nachlasses der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer und Erstellung eines Bestandskataloges, in: RWTH Themen. Berichte aus der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen 1/2005, S. 26-27.
  • Michael Farrenkopf: Eine Großzeche für Oberschlesien – Industrieplanungen der 1940er-Jahre im Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer im Bergbau-Archiv Bochum, in: Stanisław Januszewski (Red.): Górnictwo w czasie, przestrzeni, kulturze, Polski Kongres Górniczy 2007 – Fundacja Otwartego Museum Techniki (Polish Mining Congress 2007. Mining industry in time, space and culture), Wrocław 2007, S. 65-82.
  • Michael Farrenkopf: „Architektur im Archiv“ – Tagung in der Abtei Brauweiler, in: Archiv und Wirtschaft 40, 2007, S. 202-205.
  • Michael Farrenkopf: Architekturüberlieferung in einem Wirtschaftsarchiv – Das „Bochumer Modell“ der Erschließung, in: Architektur im Archiv. Der archivische Umgang mit Überlieferungen aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Ingenieurwesen. Tagung am 11. und 12. September 2007 in der Abtei Brauweiler, Bonn 2010 (= LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, Archivhefte 39), S. 55-70.
  • Michael Farrenkopf: Die Bergbau-Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer – Erfolgreicher Abschluss der Archivierung und wissenschaftlichen Erforschung, in: Forum Geschichtskultur Ruhr 1/2013, S. 65.
  • Michael Farrenkopf/Kristina Pegels: Zeichnerischer Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer - Sicherung, Erschließung und wissenschaftliche Auswertung im Bergbau-Archiv Bochum, in: DER ANSCHNITT 56, 2004, S. 249-253.
  • Michael Farrenkopf: The Master Builders of German Mining, in: Heinz Peter Brogiato/Klaus-Peter Kiedel (Hrsg.): Research, Travel, Exploration. The Lifeworlds of the Leibniz Association Archives, Halle/Saale 2014, S. 46-47.
  • Michael Farrenkopf/Kristina Pegels: Fritz Schupp und Martin Kremmer – Die Bedeutung eines zeichnerischen Nachlasses für die Montangeschichte, in: Stefan Brüggerhoff/Michael Farrenkopf/Wilhelm Geerlings (Hrsg.): Montan- und Industriegeschichte. Dokumentation und Forschung, Industriearchäologie und Museum. Festschrift für Rainer Slotta zum 60. Geburtstag, Paderborn u. a. 2006, S. 317-343.
  • Michael Farrenkopf/Kristina Pegels-Hellwig: Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer. Pflege und Erforschung im Bergbau-Archiv Bochum/The drawings in the estate of the architects Fritz Schupp und Martin Kremmer - management and research in the Bergbau-Archiv Bochum, in: M:AI – Museum für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW e.V./AFR – Architekturforum Rheinland e.V. (Hrsg.): Baukunst in Archiven – Gedächtnis der Generationen aus Papier und Bytes/Architecture in archives – The memory of many generations – in paper and bytes, Gelsenkirchen/Köln 2012, S. 118-123.
  • Michael Farrenkopf/Kristina Pegels-Hellwig: Fritz Schupp und Martin Kremmer – Die bedeutendsten Architekten des Bergbaus, in: bergbau. Zeitschrift für Rohstoffgewinnung, Energie, Umwelt 64, 2013, Heft 6, S. 247-251.
  • Michael Farrenkopf/Kristina Pegels-Hellwig: Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, in: Industriekultur 19, 2013, H. 4, S. 32-33.
  • Kristina Pegels: Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer: Zeichnerischer Nachlass im Bergbau-Archiv Bochum, in: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur 1/2005, S. 71-72.
  • Kristina Pegels-Hellwig: Bauten für die Industrie. Das Gesamtwerk der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer: Wissenschaftliche Erforschung des zeichnerischen Nachlasses, in: Denkmalpflege im Rheinland 30, 2013, Nr. 2, S. 72-77.
  • Stefan Przigoda: Technische Zeichnungen, Pläne und Risse im montan.dok – Raumbezüge und Perspektiven für die Montangeschichte, Online-Publikation unter www.digipeer.de (21.10.2011).