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Frühes Eisen im rechtsrheinischen Schiefergebirge: Siegerland
Latènezeitliche Eisenwirtschaft im Siegerland: Interdisziplinäre Forschungen zur Wirtschaftsarchäologie
Das Siegerland zählt zu den bedeutendsten Montanlandschaften Deutschlands, das die Eisenversorgung während der jüngeren Industrialisierung sicherstellte. Basis dieser Montanlandschaft ist eines der größten Sideritvorkommen (Spateisenstein) im Siegerland-Wied-Distrikt. Weitaus weniger bekannt ist die prähistorische Bedeutung des Siegerlandes: Die Region scheint in der zweiten Hälfe des 1. Jahrtausends v. Chr. einer der großen Eisenlieferanten des deutschen Mittelgebirgsraumes gewesen zu sein. Ihre Erzgrundlage waren die manganreichen Verwitterungsprodukte des Siderits (Limonit, Goethit), die großflächig an den Kuppen und ihren Randzonen der gebirgigen Region oberflächennah anstanden.

Trotz der hervorragenden Ergebnisse der älteren Siegerländer Eisenforschung (1930er bis 1960er Jahre) blieben viele Fragen offen. So die nach dem Anfang der Siegerländer Eisenwirtschaft, welcher vermutlich nicht vor dem 6. Jh. v. Chr. zu suchen ist. Vielmehr zeichnet sich ab, dass besonders ab dem 4. und besonders seit dem 3. Jh. v. Chr. massiv die Region aufgesucht wurde. Häufig wurde mit dieser Entwicklung ein Landesausbau in das Bergland hinein verbunden. Dies lässt einen für die Eisenzeit untypischen Wirtschaftsraum erwarten, ist das Siegerland doch im Gegensatz zu den umgebenden Gunstlagen, wie beispielsweise die Westhessische Senke oder das Mittelrheintal, kein geeigneter Standort für Ackerbau. Ungewiss ist aber, wie und wann es zur Herausbildung einer regionaltypischen Eisenwirtschaft mit hoher technischer Spezialisierung gekommen ist. Auch der gesamte Wirtschaftskreislauf der Siegerländer Eisenwirtschaft ist unerforscht: Verlagerten sich die Produktionsgebiete im Laufe der Zeit? Wurde saisonal produziert oder fand eine dauerhafte Aufsiedlung stand? Welchen Strategien folgte die einheimische Landwirtschaft und wurde der Wald systematisch genutzt? Welche Bedeutung hatte die Stahlproduktion nach außen?

Nach ersten Grabungen Gerd Weisgerbers in den 1980er Jahren des 20. Jh. erforscht das Deutsche Bergbau-Museum Bochum seit 2002 gemeinsam mit der LWL-Archäologie (Außenstelle Olpe) die frühe Siegerländer Montanlandschaft. Die Arbeiten mündeten in ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt, das seit 2009 gemeinsam auch mit dem Archäologischen Institut der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt wird.

Altbekannte Montan-Fundplätze werden systematisch wieder aufgesucht und darüber hinaus hunderte weitere aller Zeitstellungen bislang neu entdeckt. Durch kombinierte Prospektionsmethoden wie geophysikalische Messungen, Bohrstockprospektion und Sondagegrabungen wurden zahlreiche Fundstellen weitergehend untersucht. Ziel ist hierbei die eisenzeitliche Montanlandschaft zu rekonstruieren und die Produktionskette vom Erzabbau über die Verhüttung bis zur Endfertigung sowie Ausfuhr der Stahlprodukte nachzuvollziehen.

Archäometallurgische Prospektionen erforschen die verschiedenen Lagerstätten im Arbeitsgebiet. Gemeinsam mit Analysen zur Schlacken- sowie der Elementzusammensetzung von Artefakten vollziehen sie den Weg des Erzes von der Lagerstätte bis zum Endprodukt nach.

Großflächige Ausgrabungen fanden auf dem Verhüttungsplatz an der Quelle des Trüllesseifen (Siegen-Oberschelden) und am Verhüttungsplatz Gerhardsseifen (Siegen-Niederschelden) statt. Zahlreiche kleinere Sondagen fanden im gesamten Arbeitsgebiet statt. Ziel dieser Grabungen ist es, Verhüttungs-, Schmiede- und Siedlungsplätze näher zu charakterisieren. Beispielsweise sollen Aspekte zum Umfang und zur Effizienz der eisenzeitlichen Verhüttung geklärt werden und bislang ungelöste Fragen zur Gestalt und dem Aufbau der regionalen Rennöfen beantwortet werden.

Durch die Kooperation mit dem Labor für Archäobotanik der Universität zu Köln und der Abteilung Vor- und Frühgeschichte der Johann Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt werden durch Pollen- und Holzkohleanalysen Anhaltspunkte zur Umformung des Reliefs infolge der Entwaldung oder zur Auswahl der verhütteten Hölzer gesammelt.

Dieser interdisziplinäre Forschungsansatz, der neben dem Kulturraum auch den Naturraum fokussiert, lässt aufregende neue Erkenntnisse zu dieser bedeutenden frühen Montanlandschaft Mitteleuropas erwarten.

Abgeschlossene Masterarbeit

Jennifer Garner, 2011. Der latènezeitliche Verhüttungsplatz in Siegen-Niederschelden „Wartestraße“. Metalla 17.1/2. Bochum: WAZ Druck.

Stephanie Menic, 2011. Der latènezeitliche Schmiedeplatz Wilnsdorf-Rudersdorf/Höllenrain im Kreis Siegen-Wittgenstein. Masterarbeit, Bochum.

Eveline Salzmann, 2013. Provenienzstudien an frühem Eisen im Siegerland. Masterarbeit, Bochum.

Daniel Demant, 2015. Die Weiterverarbeitung von Eisenprodukten auf latènezeitlichen Hüttenplätzen des Siegerlandes. Masterarbeit. Bochum.

Abgeschlossene Promotion

Stephanie Menic, 2016. Die latènezeitliche Eisenproduktion im Siegerland. Chaîne opératoire und Ökonometrie der Prozessschritte. Studien zur Montanlandschaft Siegerland 2, Der Anschnitt Beiheft 32. Bochum: Marie Leidorf.

Informationen zum Projekt

Projektträger

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Forschungsbereich Montanarchäologie

beteiligte forschende Bereiche
Laufzeit

2002 bis 2020

 

Förderung
Kooperation

Prof. Dr. Michael Baales, seit 2012: Dr. Manuel Zeiler, LWL-Archäologie für Westfalen, Außenstelle Olpe

Prof. Dr. Thomas Stöllner, Beate Sikorski (M.A.), Dr. Manuel Zeiler (bis 2011), Institut für Archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum

Dr. Ursula Tegtmeier, Labor für Archäobotanik der Universität zu Köln

Dr. Arie Kalis, Dr. Astrid Stobbe,  Institut für Achäologische Wissenschaften, Abt. III, Vor- und Frühgeschichte der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main

Seit 2012: Prof. Dr. Wolfgang Thiemeyer, Dr. Dagmar Fritzsch, Mauricio Breitscheid, Institut für Physische Geographie, Campus Rietberg der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main

 

  • Garner, J., Menic, S., Stöllner, T., Zeiler, M., 2013. Forschungen zur eisenzeitlichen Produktion und Distribution von Stahl aus dem Siegerland. Archäologie in Westfalen-Lippe 4, 2012. S. 51-55.
  • Stephanie Menic, 2016. Die latènezeitliche Eisenproduktion im Siegerland. Chaîne opératoire und Ökonometrie der Prozessschritte. Studien zur Montanlandschaft Siegerland 2, Der Anschnitt Beiheft 32. Bochum: Marie Leidorf.
  • Stöllner, T., Garner, J., Gassmann, G., Kalis, A. J., Röttger, K., Stobbe, A., Tegtmeier, U., Yalcin, Ü., 2009. Latènezeitliche Eisenwirtschaft im Siegerland: Interdisziplinäre Forschungen zur Wirtschaftsarchäologie. Vorbericht zu den Forschungen der Jahre 2002-2007. Metalla 16, 2. Bochum: WAZ Druck.
  • Zeiler, M., 2013. Latènezeitliche Eisenwirtschaft im Siegerland. Bericht über die montanarchäologischen Forschungen 2009-2011. Metalla 20, 1. Bochum: Medienhaus Siebold.
  • Zeiler, M., Sebald, S., Gruppe, G., 2017. Die Berge rufen! – Archäologisch-anthropologische Studie zur Migration in die eisenzeitliche Montanlandschaft Siegerland (NRW) anhand von Brandbestattungen. Archäologisches Korrespondenzblatt 47, 2. S. 173-199.

 

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